Galerie m50

Diese Ausstellung ist zu sehen bis einschl. 03. Mai 2014,
ausser vom 18. bis einschl. 21.April 2014



Kissel                        Wittner

still werden – sich sammeln – sich öffnen – schauen – sich einlassen –  das Wesentliche aufnehmen

Rolf Kissel (1929) und Gerhard Wittner (1926-1998) haben Malerei bei Professor Albert Burkhart
an der Städelschule in Frankfurt am Main studiert (Kissel: 1956-’61, Wittner: 1947-’51).
Begonnen haben beide frankfurter Künstler mit gestenreichem Realismus. Bedingt durch die reiche
Seh-Erfahrung, konnten sie ihren eigenen künstlerischen, gegenstandslosen, Weg gehen.
Paul Cézanne bereitete, Ende des 19. / Beginn des 20.Jhs, den Weg für den Kubismus, der – in der
1. Hälfte des 20.Jhs – abgelöst wurde vom Konstruktivismus. Hier begann die Lösung vom Realismus.
Das Informel der 1950er Jahre nutzte diese gewonnene Freiheit, die auch die Diskussion über  das Wesen
der Kunst neu entfachte: Einige wollten Kunst und Alltag entfremdet sehen, um den künstlerischen Bereich
ausschließen zu können. Andere fragten vordergründig nach der gesellschaftlichen Wirksamkeit von Kunst
und sprachen künstlerischen Hervorbringungen, in der sich Gesellschaft nicht unmittelbar widerspiegelt,
den Nutzen ab.
Mit der scheinbar “nutzlosen” konkreten Kunst vollzog sich der Wandel hin zum Kunstwerk, das selbst Gegen-
stand ist, seinen Inhalt und seine Aussage selbst definiert.
Kissel und Wittner vollzogen diesen Wandel hin zum konkreten Werk individuell. Dennoch mit gleicher Inten-
sität: strenge, sorgfältig geplante Gestaltung mit dem Gefühl für Konstruktion und Harmonie. Nicht mehr be-
nötigt wurden im- oder expressionistischer Pinselstrich, Pathos, Heroismus, Phrasen, Monumentales, Klischees.
Rolf Kissel formulierte: “… Das spontane, unkontrollierte Malen [des action painting] ist mir zu beliebig, weil es
so oder so und so weiter laufen könnte. Das Spontane, das in einem Mechanismus ausläuft. …“  Die Unendlich-
keit der Farbströme im action painting hat ihn bewogen, die Bildelemente zu verringern und sie in ein berech-
netes Verhältnis zu bringen.
Zur eigenen Arbeit erläuterte Gerhard Wittner: “… Ein Bild muss mehr hergeben, als es oberflächlich zeigt; es
muss vieldeutig sein, im reinen Kunstsinn, und es muss dem Intellekt verpflichtet sein, dabei darf es nicht ohne
die Seh-Erfahrung des Künstlers auskommen. …“
Obwohl unterschiedlich im Charakter, trotz verschieden verlaufender Lebenswege eint beide Künstler die Ent-
scheidung zur rationalen Ästhetik: Die Fläche in der Bildgestaltung wird ganz konsequent respektiert. Gestaltung
wird von reinen elementaren Relationen hervorgerufen; bedingt alleine durch das Maß der Verhältnisses und
der Spannung. Die Rede ist also von einer Kunst, die völlig von innen heraus gestaltet ist und keinem Einfluss
von außen unterliegt.
Beider Künstler Arbeiten sind eine „Antwort“ auf die laute Kunst der 1960er Jahre; auf deren konsumorientierten
Inhalte und deren Superformate. – Genau aus den genannten Gründen wirken sie heute gleichermaßen! – Sie
stellen sich grundsätzlich konträr zur optischen Überflutung – wie György Ligeti’s Harmonien an der Schwelle des
Schweigens.
Rolf Kissel entschied sich dazu, die Fläche und die Elemente seiner Lichtreliefs monochrom weiß zu halten, ganz
im Sinne Wassily Kandinsky’s („… Weiß ist das Symbol einer Welt, in der alle Farben als materielle Eigenschaften
und Substanzen verschwunden sind. …“). So ist keine Ablenkung oder Veränderung für den Betrachter möglich.
Gerhard Wittner, hingegen, untersuchte das Problem der Wirkung und die gegenseitigen Beeinflussung von For-
men zu Formen, von Farben zu Farben und von Farben zu Formen, ganz in der Nachfolge von Josef Albers.
Die Reduzierung auf das Einfache, welche beider Künstler Schaffen ausmacht, darf nicht als Einfallslosigkeit miss-
verstanden werden! Ganz im Gegenteil: hier wirkt die Reife, die es möglich macht, das Überflüssige auszuklammern
und den Blick auf das Wesentliche zu schärfen.

Gabriele Wittner, unter Bezugnahme auf
Heinz Gappmeyer: Gerhard Wittner – Retrospektive 1959 – 1985 (Katalog zur Ausstellung / Kunstverein, Frankfurt am Main, 1986)
Horst Albert Gläser: Rolf Kissel – in der Zeit sein (Katalog zur Ausstellung / Karmeliterkloster,  Frankfurt am Main, 08.2009 – 02.2010)
Romano Guardini: über das Wesen des Kunstwerks (1947)
Hilmar Hoffman: Rolf Kissel – in der Zeit sein (Katalog zur Ausstellung / Karmeliterkloster, Frankfurt am Main, 08.2009 – 02.2010)
Reimer Jochims: Realismus und Lebensbezug (Vortrag / Malakademie, Frankfurt am Main, 03.2014)
Walter Vitt: von strengen Gestaltern (1982)
Friedrich Vordemberge-Gildewart: Schriften und Vorträge (1976)

Weitere Information zu Rolf Kissel und Gerhard Wittner finden Sie hier in der Rubrik Künstler.

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